Tipps für Segler :: Thema Sicherheit

Eiskalt erwischt.

Vorsicht beim Frühjahrstraining: Wer bei niedrigen Wassertemperaturen über Bord geht, hat ohne Rettungsweste schlechte Karten. Auch geübten Schwimmern droht schnelles Ertrinken.
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des DSV Deutscher Segler-Verband e.V.)

Nur gut ein Drittel aller Verunglückten in kaltem Wasser sterben an Unterkühlung.
Seit 1991 passierten sechzig Prozent der Ertrinkensfälle in den ersten fünfzehn Minuten; also lange bevor die ersten Unterkühlungssymptome zu erwarten waren. Dabei gingen dreiundsechzig Prozent der Unfallopfer in einem Abstand von weniger als fünfzehn Meter zum Ufer unter. Viele waren nicht imstande, auch nur die beiden letzten Meter zum rettenden Ufer zu schwimmen.
Der Grad der Fähigkeit einer Person, im warmen Wasser zu schwimmen, erlaubt keine Voraussage über das Verhalten in kaltem Wasser. Doch welche biologischen Mechanismen machen den Verunglückten unfähig, sich selbst zu helfen?

Stadium 1: Eintauchreflexe und Kälteschock.

Mit dem Eintauchen in kaltes Wasser werden Nervenendigungen in der Haut gereizt und lösen unmittelbar eine reflexartige Reaktion aus. Alle betroffenen Personen beginnen sofort mit einem extrem tiefen Atemzug, der direkt zum Ertrinken führen kann. Häufig folgt ein vom Willen nicht unterdrückbares schnelles Atmen, durch das es zu Krämpfen kommen kann. Zugleich ist schon bei +15 Grad C Wassertemperatur die Fähigkeit zum Luftanhalten um siebzig Prozent reduziert. Es kommt zu Panik und Willensverlust durch die Unfähigkeit zum Luftholen, schließlich zum Inhalieren der nächsten Welle und zum Ertrinken. Ein massiver Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck, sowie gefährliche Rhythmusstörungen können einen Herzstillstand auslösen. Wenn das kalte Wasser in die Ohren eindringt, wird das Gleichgewichtsgefühl beeinträchtigt und die Orientierung kann verloren gehen. Man taucht tief, anstatt auf.

Stadium 2: Schwimmversagen.

Der Kraftverlust der Muskulatur beträgt pro Grad Temperaturabfall im Muskel drei Prozent. Das sind bei einem Abfall von +37 auf +20 Grad C. über fünfzig Prozent! Sinkt die Temperatur in den Muskeln und Nerven der Arme und Beine unter +20 Grad C, wird zusätzlich die Geschwindigkeit und Intensität der Leitung von Erregungsmustern für die Funktion verlangsamt. Diese Mechanismen führen zum Verlust des Streckvermögens, der Koordination und der Geschicklichkeit beim Greifen von Rettungsmitteln und letztlich zum Untergang durch Schwimmversagen.

Stadium 3: Unterkühlung bei langem Aufenthalt im Wasser.

Im Gegendsatz zu Stadium 1 und 2 ist die Unterkühlung des Körperkerns den meisten Seglern bekannt. Die Überlebenschancen hängen von vielen Faktoren ab; zum Beispiel von der Wassertemperatur, der (isolierenden?) Kleidung, dem Seegang, der Strömung, der Produktion von Körperwärme durch Kältezittern und Bewegung, dem Verhältnis von Körpermasse zu Körperoberfläche, der Dicke des Fettgewebes, der körperlichen Fitness, der Nahrungsaufnahme vor dem Unfall, sowie der Körperposition im Wasser.

Stadium 4: Kollaps nach der Rettung.

Bis zu zwanzig Prozent der Todesfälle ereignen sich während der Bergung aus dem Wasser oder innerhalb der folgenden Stunden. Als Ursache werden der Verlust der Kreislaufstabilisierung durch das Wasser, ein Mangel an Kreislaufvolumen, erhöhte Blutviskosität, Hypothermie des Herzmuskels und unzureichende Aktivität der Barorezeptoren, sowie der psychische Streß genannt. Auf jeden Fall muß man mit dem sogenannten Afterdrop rechnen, einem deutlichen Kerntemperaturverlust während und nach der Bergung, gefördert duch lagerungsbedingten Rückfluß kalter Blutflüssigkeit aus den Extremitäten.

Was kann zur Vorbeugung und Behandlung getan werden?

- Abhärtung bzw. Gewöhnung:

Die sogenannten Winterschwimmer weisen darauf hin, daß ihr Sport eine Abhärtung mit sich bringt. Eine erhöhte Kältetoleranz führt zu besser regulierter und länger anhaltender Wärmeproduktion und zu einer vorteilhaften Blutzirkulation.

- Rettungsweste. (Bei Kälte) immer!

Es ist falsch, zu glauben, daß man bei ruhigem Wetter nach dem Sturz ins Wasser noch in aller Ruhe die Rettungsweste anlegen könne. Das scheitert am akuten Schock oder kurz danach durch die Abnahme der muskulären Kraft und Geschicklichkeit; lange, bevor die Unterkühlung des Körpers einsetzt.

- Verhalten beim Eintauchen
(Siehe Stadium 1 und 2).

Um einen Kälteschock zu vermeiden, sollte man so langsam wie möglich ins Wasser gleiten. Das gilt übrigens auch für den Retter. Gegen das Schwimmversagen ist es ratsam, am Beginn statt panikaratiger Aufstiegsversuche im Wasser zu bleiben und erst mit Schwimmbewegungen zu beginnen, wenn die Atmung unter Kontrolle ist. Dann allerdings sollte man ohne Zögern mit der Selbstrettung beginnen.

-Schutz bei längerem Aufenthalt im Wasser.

Wenn keine Möglichkeit besteht, das Wasser zu verlassen, empfiehlt sich, den Kopf so gut es geht aus dem Wasser zu halten, alle Körperbewegungen zu minimieren und allenfalls die Beine zu bewegen.

- Schutzkleidung

Es gibt auf dem Markt aufwändige, professionelle Kälteschutzanzüge. Der Freizeitsegler muß entscheiden, ob in seinem Falle eine solche Bekleidung sinnvoll und erforderlich ist. Vlies-Bekleidung unter einem Trockenanzug sind für einen kurzen Aufenthalt im (Eis)wasser besser als nichts. Sie können allerdings die Unterkühlung nur verzögern.

Hinweis der CFCN-Redaktion:
Weitere Informationen zu diesem wichtigen Thema finden sich in der Ausgabe 02/01 der CFC Notizen, die wir auf Anforderung gern kostenlos zur Verfügung stellen.