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Igel oder Biene?
Von Michael Lindau

Wie jedes Jahr, ist Familie Lindau aus Hamburg angereist, um ein verlängertes Wochenende in Sahlenburg auszuspannen. Familie Lindau. Das sind wir; meine Frau Gaby, meine Töchter Corinna, Simone und Andrea und natürlich ich.
Wie immer, nutzen wir das gute Wetter und die Gelegenheit, auch Catamaran zu segeln; und wie jedes Jahr gibt es keine Probleme, uns fünf als Crew bei den freundlichen Seglern vom CFC unterzubringen.

Hatten wir uns sonst immer nach dem Segeln zum zwanglosen Bier zusammengesetzt, haben wir diesmal auf dem Campingplatz zum Grillen eingeladen.
Familie Wölk hat Tische und Bänke zur Verfügung gestellt. Alex steckt sich ein Geschirrtuch in den Gürtel und heizt den Grill fachmännisch an, Peter fährt noch schnell zum Bahnhof, um seine Frau abzuholen und ich sortiere inzwischen die Flaschen.

Nach den Stunden auf dem Wasser, haben alle einen gesegneten Appetit und in fröhlicher Runde wird Steak für Steak und Wurst für Wurst vertilgt und Flasche für Flasche geleert. Dabei entdecke ich eine neuen Liebe: Jever dark.

Wir sitzen noch zusammen und genießen die letzten Sonnenstrahlen; der Grill hat seinen Dienst getan und die beiden Frauen räumen bereits das Geschirr ab, als mein Namensvetter mit seinem Vater Karl auf der Bildfläche erscheint; jeder eine große Plastiktüte in der Hand mit Steaks, Würstchen und ein paar Bier- und Weinflaschen. Also wird der Grill wieder angeheizt. Alex steckt sich das bratensoßenbeschmutzte Geschirrtuch wieder in die Hose und die Prozedur beginnt von vorn.

Im Hintergrund dudelt Musik und Birgitt fängt an, laut zu singen: "Schööön ist es auf der Welt zu sein, sprach die Biene zu dem Stachelschwein ...........“
"Das heißt Igel zum Stachelschwein.“
"Nein, Biene zum Stachelschwein.“

Und dann wird es schwierig, in den nächsten Stunden –ich wiederhole: Stunden- der Diskussion zu folgen.

Micha blickt Birgitt geradezu vorwurfsvoll an. "Glaub mir, das heißt Igel zum Stachelschwein.“
"Auf gar keinen Fall“, mischt sich Gaby ein.
"Ich glaube, Micha hat Recht“, heizt Alex die Stimmung an. "Das ist doch Quatsch“, meint Alex. "Biene und Stachelschwein; das macht biologisch überhaupt keinen Sinn. Igel und Stachelschwein; das ist logisch!“
"Wie, sind die homosexuell?“ meldet sich meine älteste Tochter aus dem Hintergrund.
"Auf jeden Fall falsch“, kontert Birgitt gegen ihren Sohn.
"Du bist eine Frau. Die sind schön, aber haben grundsätzlich in solchen Sachen nicht Recht“, versucht Micha sich auf frivole Art durchzusetzen.
"Also, da halte ich mich jetzt lieber heraus“, lässt Karl verlauten, als er merkt, dass ihn einige Leute ansehen.
"Keine Diskussion. Biene und Stachelschwein“, lässt sich jetzt erstmalig Peter hören. "So sicher, wie Micha Eigner vom Hairkiller ist.“ Hairkiller ist der Name seines Catamarans.
"Ach, Du, Du ......“. Alex unternimmt den hilflosen Versuch, Peter aus der Diskussion heraus zu halten und ihn an weiteren Erklärungen zu hindern.
"Ich wette eine ganze Flasche Wein“, heizt Micha die Diskussion erneut an und ich beginne, mich über seine Hartnäckigkeit zu amüsieren.
Angeheitert kichert Gaby dazwischen. "Igel? Biene? Stachelschwein? Sagt mal, wovon redet Ihr eigentlich?“
"Micha hat Recht. Ich halte die Wette“, konstatiert Alex und fuchtelt wild mit der langen Grillgabel herum.
"Top! Wer hält dagegen?“, stößt Micha erneut ins Horn.
"Wir“, kommt es fast gleichzeitig aus dem Munde der beiden Frauen.
"Also wer kann denn nun sagen, was richtig ist?“, fragt Micha mit geradezu brilliantem Scharfsinn in die Runde.
"Da braucht niemand gefragt zu werden. Das wissen wir so“, kommt es von Alex am Grill.

"Also so geht das nicht. Kennt denn niemand einen Fachmann?“
"Ich gehe mal zu Frank Wölk und frage.“
Pit holt Frank aus seinem Büro in der Campingplatz-Anmeldung. "Weiß ich nicht“, meint der, "aber ich frage mal meine Frau.“ Die weiß es aber auch nicht ganz genau und entscheidet sich für Biene.
Freudengeschrei bei den beiden Frauen; triumphales Lachen bei Peter.
"Das ist doch kein Beweis“, droht Alex.
"Ich rufe einfach mal meinen alten Lehrer an“, versucht Micha die Glaubwürdigkeit seiner Aussage zu verstärken. Er holt sein Handy aus der Tasche und wählt umständlich irgendeine Nummer.
"Mein ehemaliger Deutschlehrer sagt, es heißt Igel und Stachelschwein.“
"Dein Lehrer lügt; genau wie Du. Wahrscheinlich ist er sogar so alt, dass er nicht mehr weiß, was er sagt.“
"Wie kannst Du so etwas behaupten?! Der Mann ist gebildet.“
"In was? Tierkunde?“
"Ich werde die Diskussion jetzt abkürzen und Radio Hamburg anrufen“. Typisch Peter.
Es meldet sich eine freundliche Dame, die erklärt, dass sie weder eine Auskunft geben dürfe, noch könne.
"Was meinen Sie denn? Sie müssen doch wenigstens selbst eine Meinung haben“, versucht Peter, sie auf die Seite der Igelfraktion zu ziehen. Dann verkündet er das Ergebnis: "Die Telefonistin von Radio Hamburg ist auch der Meinung, dass es die Biene ist.“
Micha und Alex protestieren lauthals.
"Ich kann ja noch mal meine geschiedene Frau anrufen". Micha benutzt erneut sein Handy. Still hört er der Angerufenen am anderen Ende der Leitung zu und meint dann: "Das hätte ich mir sparen können. Dass die anderer Meinung ist als ich, hätte ich mir denken können.“
Die beiden Frauen grölen ihren Triumph heraus. Betretene Gesichter bei Alex und Micha.
"So, jetzt rufe ich bei Alster-Radio an.“ Peter wählt und alle starren ihnen gespannt an.
"Da läuft ein Band. Ich soll Montag wieder anrufen“. So lange kann und will keiner warten.
"Alter, Du kennst doch sonst Schiss und Piss. Es wird doch wohl noch jemanden geben, der etwas von Biene, Igel und Stachelschwein weiß“.
Peter denkt angestrengt nach. "Ich rufe meine ehemalige Verlobte an“. Er traktiert sein Handy und lacht über das ganze Gesicht. "Die Sache ist geklärt. Igel ist richtig.“
"Und wer hat Dir das gesagt?“, kommt es zweifelnd und unüberhörbar giftig von Peters Frau.
"Meine erste große Liebe und meine erste Verlobte von vor dreißig Jahren.“
"Um Gottes Willen!", erfährt es Birgitt. "Da fragt der Mensch doch meine Vorgängerin. Die hat sowieso von nichts ‘ne Ahnung.“
"Also, das kannst Du so nicht sagen. Du weißt ganz genau, dass sie in einigen Dingen sehr gut Bescheid weiß.“
"Kann ja sein, aber nicht in der vorliegenden Sache. Was weiß Deine Claudia von Bienen, Igel und Schweinen? Nichts. Also, der Zeuge gilt nicht.“
Peng. Birgitt hat’s gesagt. Peter schmollt und meine Frau Gaby setzt ihren so gefürchteten Richterblick auf. Kurzes Schweigen.
"Ich ruf noch einmal jemand anders an.“
Michael benutzt erneut sein Handy. Dann ist zu hören: "Ja, ja, ja. Das habe ich mir gedacht.“
Anschließend mit ernstem Blick in die Runde: "Es heißt zweifelsfrei Igel und Stachelschwein.“
"Und wer behauptet das so frech?“
"Das darf ich nicht sagen.“
"Aha. Der geheimnisvolle Dritte. Der große Unbekannte. Ist ja wie im Krimi ..................“
Peter grinst über das ganze Gesicht und steckt sich dann eine Underbergflasche in den Hals. "Mit Euch ist die Welt nur im Suff zu ertragen. Nun gut, ich weiß, wen wir noch anrufen können.“
Er wählt eine kurze Nummer –es war wohl die 11833- und wartet. Dann meldet sich offensichtlich jemand und es kommt zu folgendem Gespräch: "Entschuldigen Sie bitte. Sie kennen doch bestimmt von Roy Black Schön ist es auf der Welt zu sein.“
Ich nehme einmal an, dass die Dame am Ende des Drahtes ‘Ja‘ gesagt hat.
Peter: "Dann können Sie mir bestimmt auch sagen, ob es Igel zum Stachelschwein oder Biene zum Stachelschwein heißt.“
Die Frau glaubt wohl, nicht richtig gehört zu haben. "Entschuldigen Sie bitte, Sie sprechen mit der Auskunft.“
"Ja eben. Deshalb rufe ich Sie ja an.“
Niemand kann hören, was seine Gesprächspartnerin sagt. "Aber wenn Sie die Auskunft sind, dann müssen Sie doch wissen .................“
Wir alle können uns vor Lachen nicht halten. Peter kann auch kaum noch. "Also wissen Sie! Eine solche Auskunft habe ich ja noch nie erlebt. Sie wissen ja rein gar nichts. Da kann ich ja man gleich meine Frau fragen .......“
Einige Sekunden Schweigen. "Also was denn nun, Frau Auskunft. Sie müssen sich nun schon zwischen Biene und Igel entscheiden. Nun gut, das mag ja Ihre Meinung sein, aber ich sage Ihnen, die ist falsch.“
Peter beendet das Gespräch sichtlich unzufrieden und Alex und Micha klatschen übermütig –wie de jungen Leute es so tun- vor Freude in die Hände.
Aus dem Hintergrund beobachten die drei Mädels das Geschehen und können es kaum fassen, was sie da hören. Simi meldet sich zu Wort: "Mein Gott sind Erwachsene blöd.“
"Geradezu kindisch“ ergänzt Andrea.
"Dann eben blöd und kindisch“, schließt Corinna die Feststellungen ihrer beiden Schwestern ab.
"Ihr haltet Euch da bitte ‘raus. Es geht um eine lebensentscheidende Frage, von der Ihr noch nichts versteht.“
"Himmel“, entfährt es der ältesten Tochter, "das wird doch nicht schlimmer mit Euch?“
Glücklicherweise wenden sie sich wieder Peter’s Graupapageien zu, der im Zwetschgenbaum vor dem Zelt sitzt und ein Liedchen pfeift.
"Ich bestehe darauf, dass ich die Flasche Wein bekomme“, fordert Birgitt einfach den Preis ein.
"Das akzeptiere ich. Wenigstens im Ansatz.“, kontert Alex. "Nur bekommen Micha und ich die Buddel.“
"Denkst Du vielleicht“, ergreift meine Frau endlich einmal wieder das Wort. "Es geht hier allein darum, wer Recht hat. Und das sind Birgitt und ich.“
Ein Unbeteiligter geht am Platz des Geschehens vorbei. "Ach, entschuldigen Sie bitte. Sie kennen doch das Lied .........“
"Natürlich kenne ich das Lied. Es heißt Biene.“
Birgitt fängt an, auf der Bank herum zu tanzen.
"Oder heißt es doch Igel?“
Birgitt springt abrupt von der Bank herunter und fällt fast hin. "Nee, nee. So geht das nicht. Sie können nicht einmal das eine und dann das andere behaupten. Sie müssen sich schon entscheiden.
Der Camper grinst. "Dann entscheide ich mich für Sie.“
"Also verdammt noch mal, ich bin weder eine Biene noch ein Igel.“
"Na, vielleicht aber das Stachelschwein.“ Peter sagt es und geht vorsichthalber ein paar Schritte von Birgitt weg.
Der Camper lenkt ein. "Ich frage meinen Nachbarn Schneehase.“
"Um Himmels willen, nicht noch ein Tier.“ Alle lachen.
"Dann meine Frau. Meine Frau ist im Wohnwagen. Die frage ich.“
Keine zwei Minuten später steht diese vor uns. "Also, das kann ich Sie mit ganz großer Gewissheit sagen. Ich kenne das Lied und denke dabei immer an unsere Klobürste. Es heißt Stachelschwein.“
Verdutztes Schweigen. "Aber danach haben wir doch gar nicht gefragt“, versucht Alex die gute Frau auf den richtigen Weg zu bringen.
"Wieso?“
"Also, über das Stachelschwein sind wir uns einig. Es geht darum. Ob es der Igel oder die Biene ist.“
"Ach so. Dann ruf‘ ich jetzt mal gleich meine Tochter in Hennepe an. Die ist vollkommen unpatriotisch.“
Peter verliert fast die Fassung und Alex und Micha krümmen sich vor Lachen.
"Sie meinen unparteiisch.“
"Sag ich ja. Die ist absolut unpatriotisch.“
Alex winkt ab und gibt auf. Die Tochter aus Hennepe ist dann zu allem Unglück auch nicht zu Hause und so kann sie uns nicht weiterhelfen.
Auch ich bin jetzt am Ende. Mir laufen die Tränen über die Backen, als Papagei Einstein aus dem Zwetschgenbaum ein lautes "Ha, ha, ha“ vernehmen lässt und dann: "Kuckuck.“
Nein, jetzt auch noch einen Kuckuck. Der Zoo ist fast voll.

An diesem Abend werden noch mehrere andere Leute angerufen, aber es lässt sich mit dem besten Willen nicht klären, ob die Biene oder der Igel etwas mit dem Stachelschwein angefangen hat.
Wir verbleiben am Ende so, dass die Weinflasche auf jeden Fall den Gewinnern auszuhändigen ist. Nur, wer die Gewinner sind, bleibt offen. Zumindest an diesem Abend.
Gegen Mitternacht löst sich die Gruppe auf und die Zurückbleibenden wenden sich nicht ganz so ernsten und wichtigen Themen zu; zum Beispiel dem Abwasch.
Kurz vor dem Einschlafen auf der Luftmatratze höre ich noch Andrea sagen: "Die Erwachsenen sind richtig bescheuert.“
"Finde ich auch. Diesen Micha hat doch die Biene gestochen.“
"Und Birgitt hat sich wahrscheinlich auf das Stachelschwein gesetzt.“, kichert Simi.
Jetzt, wo es ans Schlafen geht, fangen die Mädchen an.
"Vielleicht hat Mamma ja die Klobürste verschluckt.“
"Wieso Klobürste. Das ist doch ein Stachelschwein.“
"Nun seid endlich still“, versuche ich Ruhe ins Vorzelt zu bringen. Und irgendwann gelingt es mir auch.
Nach einem leisen "Kuckuck“ von Einstein auf seiner Stangen, höre ich nichts mehr.

Am nächsten Abend fahren wir nach Hamburg zurück. Ich schließe die Haustür auf. Das Telefon klingelt. Birgitt ist ‘dran.
"Also Michael, ich weiß jetzt ganz genau, dass es Biene heißt. Wir sind eben nach Hause gekommen und ich habe mir gleich die CD herausgesucht.“
Ich lasse meine angeheiratete Cousine wissen, dass es mir wirklich egal ist, ob es eine Biene oder ein Igel war, der das Stachelschwein vergewaltigt hat. Mich interessiere nur noch eines: Wer nun die Flaschen Wein bekommt, die er gewonnen hat.
Und mit dieser bis heute ungeklärten Frage beende ich meinen Bericht.